Bergsteigen > Kilimanjaro 5.895 m > Kilimanjaro 5.895 m

Gipfelsieg auf Gilmans-Point

Donnerstag, 3. Dezember 1998

Nach diesen schlaflosen Stunden machten wir die letzten Vorbereitungen gegen 23 Uhr. Vor dem Start gab es noch einen kleinen Imbiß mit Tee. Dann wurden die Wasserflaschen mit Tee gefüllt. Ich überlegte, ob ich 2 Flaschen a 1,5 Liter mitnehmen sollte. Ich ließ dann aus Gewichtsgründen die große Thermosflasche zurück, was sich später als Fehler heraus stellte. Pünktlich um Mitternacht starteten die einzelnen Gruppen im Gänsemarsch Richtung Kibo. Wir hatten Glück, es war sternklar und Vollmond bei -4 °C. Die Stirnlampen benötigten wir nicht, da es ziemlich hell war. Wir stiegen zunächst in verschiedenen Gruppen auf, die verschiedene Tempos gingen. Wir reihten uns erst in eine ziemlich langsame Gruppe ein, da wir genügend Zeit für den Aufstieg hatten und unsere Kräfte einteilen wollten. Es waren etwa 1.000 Höhenmeter auf einer Strecke von 5 km zu bewältigen. Das Ziel - der Gillmans-Point liegt bei etwa 5700 m. Am Anfang ging alles problemlos. Wir reihten uns auch gleich in eine etwas schnellere Gruppe ein. Der Gipfel sollte zwischen 5 und 7 Uhr erreicht werden. Der Weg stieg zunächst etwas gering an und wurde später immer steiler. Nach ca. 1,5 Stunden erreichten wir die 5.000 m Marke Williams-Point. Dort bemerkte ich, daß meine Teeflasche von den Köchen nur reichlich halb voll gefüllt wurde, etwa 1 Liter. Hoffentlich reicht das. Später machten wir eine kurze Rast in der Hans-Meyer-Höhle in 5.200 m Höhe. Wie wir später hörten, kehrten hier die ersten Trekker aufgrund von Höhenproblemen um. Von dort aus ging es in sehr steilen Serpentinen weiter. Uli bemerkte ebenfalls die Höhenprobleme, konnte sie aber mit Energietabletten etwas lindern. Der Anstieg wurde immer steiler. Am Anfang zählten wir noch 50 Schritte bis zu einer kurzen Verschnaufpause. Später wurden es immer weniger, 40, 30 ... zum Schluß gerade mal drei Schritte bis zur Pause. Das Ziel war uns so nah, aber es rückte einfach nicht näher. Der Tee war in der Trinkflasche weitgehend eingefroren und die Müsliriegel wollten einfach nicht mehr schmecken. Die letzten beiden Stunden quälten wir uns regelrecht jeden Schritt ab. Der geringe Sauerstoffgehalt tat den Rest. Ich bekam plötzlich Schwindelgefühle und starke Kopfschmerzen, so daß an ein Weiterkommen zunächst nicht zu denken war. Ich stützte mich auf meine Teleskopstöcke und war völlig erschöpft. Da ermutigte mich ein Amerikaner zum Weitergehen und verhalf mir mit seinen Energieriegel zu neuen Kräften. Jeder Schritt kostete Überwindung. Den anderen ging es aber ähnlich. Zusätzlich verschlechterten sich noch die Wegverhältnisse. Es mußten noch Felsblöcke überwunden werden. Der Guide sagte eine Zeit bis zur Zielankunft von ca. 1/2 Stunde voraus. Diese Minuten waren für uns wie eine Ewigkeit. Wenige Meter vor dem Ziel aktivierten wir nochmals alle unsere Kräfte und "stürmten" den Ziel entgegen. Wir beglückwünschten und umarmten uns und waren stolz auf den erreichten Erfolg. Es war schon ein tolles Gefühl, einmal auf den höchsten Berg in Afrika zu stehen, der zugleich der höchste freistehenden Berg der Erde ist. Natürlich wurden auch zahlreiche Fotos geschossen. Aufgrund der Kälte hatten sich sogar die Batterien im Fotoapparat und in der Videokamera entladen. Zum Glück hatte ich noch Ersatz im Gepäck. Bei dem Aufenthalt am eiskalten Gipfel genossen wir den Sonnenaufgang über den Mawenzi Punkt 6 Uhr Ostafrikanischer Zeit. Wir hatten einen super Blick auch zum Gletscher und Krater. Beim Rückweg, den wir nun bei Tageslicht antraten, wurde uns erst einmal klar, was wir da eigentlich geleistet hatten. Ich weiß nicht, wenn wir den Weg vorher gekannt hätten, ob wir da aufgestiegen wären. Beim Abstieg verflüchtigte sich ganz langsam unsere leichte Höhenkrankheit. Der Weg war scheinbar endlos über die steilen Serpentinen und den weichen Lavasand bis zur Kibo-Hütte. Sie war wie tags zuvor so greifbar nahe, aber dennoch so weit entfernt. In der Hans-Meyer-Höhle machten wir noch eine kurze Pause, bevor wir dann gegen 9 Uhr die Kibo-Hütte erreichten. Dort packten wir unseren Rucksack und zogen uns um. Endlich konnten wir die dicken Sachen wieder ablegen. Ich hatte bei letzten Aufstieg 4 Hosen und 5 Hemden, Pullover bzw. Jacken an. Am Frühstück nahmen die meisten Trekker gar nicht teil. Ich hatte auch keinen Appetit. Danach ging es dann noch mindestens 4 Stunden weiter in Richtung Horombo-Hütten, unseren nächsten Quartier. Wir sprachen beim Abstieg nach Horombo kaum ein Wort. Wir waren wie die meisten ziemlich ausgelaugt. Nach 14 Stunden harten Bergwandern trafen wir dann wieder inm der Horombo-Hütte in 3.700 m ein. Wir feierten mit einer Flasche Kilimanjaro-Bier den Gipfelsieg. Uli holte noch einen Gipfelschnaps aus seinen Rucksack. Auf dem Kibo hätten wir diesen wohl nicht trinken können.