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4. Etappe: Reischach bei Bruneck – Rifugio Cinque Torri

Sonntag, 3. August 2008

Für diesen Tag habe ich mir viel vorgenommen, zuviel wie die nette Wirtin sagte. Bis Cortina wäre es nicht zu schaffen. Die meisten steigen in der Fanes-Alm ab. Und ich wollte ja noch weiter bis zur Refugio Cinque Torri. Das ist noch ein kräftiger Anstieg zusätzlich. Na, mal sehen. Ich habe doch den ganzen Tag Zeit. Wenn die Kondition nicht ausreicht, muss ich eben woanders ein Zimmer suchen.

7 Uhr hatte ich das Frühstück bestellt. Eine halbe Stunde später fahre ich los. Zu Beginn stehen heute 1.100 Höhenmeter zum Kronplatz auf dem Programm. 1,5 Stunden brauchen die meisten, sagte die Wirtin. Ohne Gepäck und ausgeruht kann ich mir das schon vorstellen, aber nicht bei meinem vollen Programm. Ich gehe die Sache langsam an. Die frische Morgenluft bei 14 °C ist einfach herrlich. Es geht stets bergauf durch den Wald. Die erste Station ist der Korerhof. Hier habe ich einen schönen Ausblick auf Reischach und Bruneck. Die Stadt liegt noch leicht unter den Wolken. Serpentinartig verläuft die festgefahrene Schotterpiste steil nach oben. Ich nutze wieder meine guten Erfahrungen mit dem Wechsel aus Fahren und Schieben. Wenn der km-Zähler beim Fahren die 6 unterschreitet ist es ja auch egal, ob ich fahre oder laufe. Ich passiere mehrfach herrliche Blumenwiesen, auf denen im Winter die Skifahrer herunter fahren. Ich kann mir das bei den steilen Hängen kaum vorstellen. Die Höhenmeter gehen stets nach oben. 2.100m muss ich bis zum Panoramaweg erreichen. Es sind jetzt 1.800m und ein Wegweiser irritiert mich etwas. Ein von oben anbrausender Mountainbiker zeigt mir den Weg. Ich wäre sicher falsch gefahren. Jetzt kann ich die Bergstation der Kronplatz-Seilbahn sehen. Diese ist aber fast 200 Meter höher als mein erstes Ziel.

Oben angekommen, es ist genau 10:00 Uhr, treffe ich einen älteren Mann mit einem ganz normalen Tourenrad. Er ist mit der Seilbahn herauf gefahren, da es ihm nichts kostet, wie er sagt. Er fährt hier oben ein bisschen herum und genießt das Panorama. Das genieße ich jetzt auch. Es sind herrliche Ausblicke in die Dolomiten, ins Ahrntal und nach St. Vigil, meiner nächsten Station. Zunächst fahre ich den Panoramaweg hinab zum Furciapass auf 1.750m und dann weiter nach St. Vigil. Es sind wunderbare Wege, teils auf Schotter, teils auf Asphalt und immer autofrei. Ich greife zwischendurch immer mal an meine Felgen, denn 800 Höhenmeter bergab können schon mal die Bremsen ganz schön aufheizen. Es ist aber noch akzeptabel. St. Vigil ist ein wunderschöner Ort. Er gehört sicherlich zu Latinien, da alles 3sprachig ausgeschildert ist.

Ich fahre weiter durch das Rauhtal in Richtung Pederühütte. Das sind auf reichlich 10 km nur rund 300 Höhenmeter. Plötzlich vernehme ich ein lästiges Geräusch beim Treten. Irgendetwas muss mit der Kette oder der Schaltung nicht in Ordnung sein. Ich untersuche den Fall und kann nichts feststellen. Ein paar Tropfen Öl können vielleicht nicht schaden, denke ich mir. Gedacht, getan und das Rad läuft wieder wie ein Schweizer Uhrwerk. Das Tal ist herrlich zu fahren. Rechts und links ragen die ersten Dolomitentürme empor. Es ist kaum ein Auto unterwegs. Es ist wohl eine der schönsten Strecken, die ich je gefahren bin. Erst an der Pederü-Hütte bin ich überrascht von den vielen parkenden Autos. Die Italiener haben seit gestern Ferien und die Hütte scheint ein begehrtes Ausflugsziel zu sein. Hier ist kein Platz zu bekommen. Ich bin froh, wenigstens auf der Toilette meine Trinkflaschen auffüllen zu können. Und selbst da muss ich anstehen. Nur weg hier, denke ich mir und suche einen Rastplatz 200 Höhenmeter über den Geschehen.

Es ist kurz nach 12 Uhr. Unten steht ein Schild für Wanderer „2 Stunden bis zur Fanes-Alm“. Nach einer ausgiebigen Rast schiebe ich das Rad die grobschottrige steile Piste hinauf. 500 Höhenmeter sind so zu absolvieren. Die Sonne brennt. Das Thermometer zeigt 41 °C. Ein paar Grad hätte ich davon am Krimmler Tauern brauchen können. Es weht kaum ein Lüftchen. Die Italiener gehen mit freien Oberkörper und Regenschirm, der natürlich als Sonnenschutz dienen soll. An der nächstbesten Stelle stürze ich mich in einem Bachlauf und erfrische mich. Es ist herrlich. Die Fanes-Alm auf 2.060m ist genauso belagert wie die Pederü-Hütte. Es gilt nur Flaschen auftanken und weiter.

Es ist 14 Uhr. Das Mindestziel habe ich erreicht. Ich fühle mich noch frisch und nach dem Limojoch geht es eh nur bergab, denke ich mir. Das Limojoch liegt nur 100m höher und ist schnell erreicht. Kurz danach liegt ein wunderschöner türkisblauer See, der Le´ de Limo an der Strecke. Nach dem See eröffnet sich eine atemberaubende Landschaft. Hier beginnt das Fanes-Tal, das sich bis Cortina d´Ampezzo erstreckt. Ich kann gar nicht so viele Fotos machen, wie ich vielleicht möchte. Ich fahre zunächst zur Großen Fanes-Alm auf 2.102m. Es ist die letzte Verpflegungsmöglichkeit bis nach Cortina. Bis dorthin geht es nun auf extrem grobschottrigen Gelände stets steil bergab. Hier sind alle Fahrkünste gefordert. Ab und zu geht es aber beim besten Willen nicht mit Fahren und ich schiebe das Bike in den heiklen Abschnitten. Anderen Mountainbikern geht es aber ähnlich. In dem Tal gewinnt man ständig neue Eindrücke von der derart abwechslungsreichen Landschaft, die seinesgleichen sucht.

Gegen 15:30 Uhr bin ich beeindruckt von der großartigen Natur und unbeschadet im Tal angekommen. Ich befinde mich jetzt in Fiames am Flusslauf des Rio de Fanes. Ich hole die Karte heraus und überlege mir noch mal den besten Weg zur Refugio Cinque Torri (Hütte der 5 Türme). Ich möchte die Stadt Cortina d´ Ampezzo umgehen, da mir dort wertvolle Höhenmeter verloren gehen. Die Kondition lässt auch langsam nach, so dass ich auch keine zusätzlichen Höhenmeter brauche. Ich lasse die Stadt links liegen und fahre 200 Höhenmeter bergauf zum Lago de Ghedina. Es ist eine schöne fast autofreie Straße. Am See tummeln sich viele Touristen. Auch das Restaurant, das scheinbar auf dem See schwimmt, ist gut besucht. Ich reichere mein Wasser in den Trinkflaschen mit Isostarpulver an. Das soll für die letzten km die nötige Kraft geben.

Ich fahre entspannt weiter bergauf bis zum Abzweig des Wanderweges 406. Ich habe mittlerweile wieder eine Höhe von 1.600m erreicht. Der Wanderweg stellt meines Erachtens eine Abkürzung zu den 5 Türmen dar. Den Abzweig finde ich auf Anhieb. Der Weg ist zwar nicht zu fahren, aber gut zu gehen. Es sind lt. Karte nur 2 km. Plötzlich wird der Weg zunehmend schlechter. Er ist sehr schmal, teilweise mit umgestürzten Bäumen versperrt und extrem feucht. Ich bin aber richtig. Die Markierung zeigt meistens die 406 an oder zumindest ein rot-weißes Symbol. Manchmal wird es besser und ich denke, es ist geschafft, dann muss ich das Rad wieder mehrere Meter nach oben oder unten tragen. Ich bekomme nun mit, dass es sich hier um ein Sumpfgebiet handelt. Zum Umkehren ist es zu spät. Irgendwann muss der Weg doch zu Ende sein. Jetzt geht der Weg in eine Schotterstraße über, als sei nichts gewesen. Ich habe für das Experiment fast 1 Stunde benötigt. In einem künstlich angelegten See muss ich nun erst einmal die Sumpfspuren abwaschen, damit ich einigermaßen vorzeigbar in der Hütte erscheine.

Nach etwa 2 km auf der Passstraße nach Falzarego biege ich zu meinem Tagesziel ab. Kurz zuvor war hier noch ein Gewitter nieder gegangen. Das konnte ich bereits aus der Ferne sehen. Es war aber alles schon wieder trocken. Mein Höhenmesser zeigte reichlich 1.700m an. Nach meiner Info liegt die Hütte bei ca. 2.000m. Es sind etwa noch 3-4 km zu fahren. Die Strecke zog sich nach meinem Empfinden endlos lang. Mit Fahren war nichts mehr. Dafür reichte einfach die Kraft nicht aus. Höchstens mal auf den wenigen geraden Abschnitten war dies möglich. Die Wasserflaschen waren leer getrunken. Am Wegesrand gab es auch keine Quellen oder Bachläufe zur Erfrischung. Ich holte noch ein Energiegel und 2 Müsliriegel heraus. Die müssen es jetzt richten. Um 18:30 Uhr habe ich es endlich geschafft. Ich hatte fast nicht mehr an die Zielerreichung geglaubt. Aber mit einem eisernen Willen geht eben so manches.

Die Hütte ist mit 2.133m auch höher als erwartet. Es ist eine schöne Hütte mitten in den Dolomiten mit großartigen Aussichten. Ich beziehe im Dachgeschoss ein Zimmer, in denen noch 3 weitere Personen Platz hätten. Aber es kommt niemand mehr hinzu. Nach einer heißen Dusche geht es mir auch wieder bedeutend besser. Ich richte noch etwas meine Ausrüstung und bemerke, dass meine Radschuhe sich langsam auflösen. Durch die langen und teilweise sehr feuchten Schiebepassagen sind sie völlig durchweicht. 2 Tage müssen sie aber noch durchhalten. Zum Abendessen gibt es Käseknödelsuppe, Tagliatelle und Schwarzwälder Kirschtorte. Zur Belohnung für die harte Etappe mit fast 3.000 Höhenmetern gönne ich mir 2 große Bier. Gegen 21 Uhr falle ich wie tot ins Bett.
Statistik 4. Etappe:
Strecke in km: 71
Bergauf in Hm: 2.967
Bergab in Hm: 1.829
Höchster Pkt. in m: 2.133
Max. Temp. in °C: 41
Min. Temp. in °C: 13