Rötspitze 3.495 m

Gipfelsieg auf der Rötspitze und Abstieg

Dienstag, 15. Juli 2003

Kurz nach 4 Uhr war die Nacht vorbei. Anna bereitete uns trotz der frühen Stunde ein üppiges Frühstück. Pünktlich um 5 Uhr stand unser Bergführer Wolfgang Islitzer vor der Tür. Er brachte noch einen Bergsteiger mit, der sich unserer Gruppe anschließen wollte. Wolfgang kannten wir noch von unserer Venediger-Besteigung im Jahre 2000. Der andere Mann stellte sich mit Hans vor und kam aus der Steiermark. Beide waren bereits sehr früh von Virgen bis zur Römerbrücke mit dem Motorrad gefahren und von dort aus aufgestiegen. Wolfgang und Hans hatten somit schon ca. 300 Höhenmeter in den Beinen.

Die Tour begann genau um 5.18 Uhr. Wir überquerten zunächst den Umbalbach an der Clara-Hütte und stiegen in den sehr steilen und mit Steinen durchsetzten Wiesenweg ca. 400 - 500 Höhenmeter auf. Wolfgang sagte, es wäre der kürzeste Weg zur Rötspitze. Der Weg über die Kleine-Philip-Reuter-Hütte wäre zwar sanfter aber bedeutend länger. Er kalkulierte für den Gipfelsturm etwa 6 Stunden ein.

Auf etwa 2.500 m wurde der Weg immer steiniger und der Untergrund aufgrund des nahenden Gletschers immer rutschiger. Ich rutschte auf diesen zunächst ungewohnten Untergrund auch einmal aus. Aber außer einer schutzigen Berghose verlief alles glimpflich. Auf dieser Höhe konnten wir immer noch eine reiche Vielfalt an Alpenblumen bewundern. Beim Blick zurück ins Umbaltal konnte man gerade noch so die Clara-Hütte erkennen.

Langsam stieg der Nebel aus dem Tal auf und vermischte sich mit den Wolken, die mittlerweile auch unter uns lagen. Die umliegenden Gipfel wurden bereits von der Sonne angestrahlt. Es zeigten sich somit ständig neue faszinierende Bilder. Gegen 8.30 Uhr legten wir unsere Gurte, Seile und Steigeisen an und stiegen bei einer Höhe von ca. 2750 m in den Welitzkees ein. Wolfgang informierte uns, daß bis vor wenigen Jahren der Gletscher noch 200 Meter tiefer begann. Wenn sich die Temperaturen so weiter entwickeln wird es wohl immer schwieriger die Tour über diese Route zu begehen.

Wolfgang, der als erster in unserer Seilschaft ging schaute umsichtig nach den Gletscher und spürte immer wieder einige verdeckte Spalten auf. Die Spalten waren nur mit wenig Schnee bedeckt und können bei Unachtsamkeit ziemlich gefährlich werden. Auf einer Höhe von ca. 3.000 m wurden dann die ersten großen Gletscherspaltengebilde sichtbar, die wir aber gut umgehen konnten. Hans klagte plötzlich über Schwindelgefühle und wollte am liebsten nicht mehr weitergehen. Wir reduzierten daraufhin das Tempo und steuerten zur Rast einen großen Felsblock an. Hier wollte Hans auf uns warten, bis wir vom Gipfel zurück waren. Wolfgang konnte Hans jedoch zum Weitergehen überreden, denn nach der Rast fühlte er sich auch besser. Er ließ zudem seinen Rucksack zwecks Marscherleichterung zurück.

Der Gletscher wurde in der Höhe von 3.200 bis 3.400 m extrem steil, so daß unser Weg immer mehr in Zickzack-Kurven genommen werden mußte. Auf rund 3.400 m stiegen in den Fels ein. Dazu legten wir die Steigeisen ab und deponierten sie dort. Der Fels war ebenfalls sehr steil und die dünnen schieferartigen Gesteinsplatten, die ziemlich locker waren, erweckten in uns wenig Vertrauen. Ich hatte anfangs beim Blick in die gähnenden Abgründe ein ziemlich mulmiges Gefühl auf diesen Untergrund. Wir konnten allerdings mit unseren Teleskopstöcke in den Gesteinsmehl zur Abstützung relativ guten Halt finden. Im oberen Teil des Felsens wurde dann der Untergrund auch zunehmend fester. Am Ende des Felsens war bis zum Gipfelkreuz eine etwa 100 m lange Flanke zu überqueren. Dieser Grat war weitgehend schneebedeckt und relativ breit, so daß wir ihn problemlos überqueren konnten.

Punkt 11 Uhr haben wir den Gipfel erreicht. Wir beglückwünschten uns mit “Berg Heil” und genossen die herrliche Aussicht auf die Tiroler Bergwelt, die uns mittlerweile sehr vertraut ist. Lediglich die Ortlergruppe und die Dolomiten verhüllten sich in Wolken und deuteten schon die langsam drohenden Gewitter an. Dort oben trafen wir 2 Bergsteiger, die von Italien aus aufgestiegen waren. Der Gipfel steht genau auf der Grenze. Wir verweilten ca. eine halbe Stunde auf den Gipfel und trugen uns natürlich hoch erfreut in das Gipfelbuch ein.

Beim Abstieg durfte ich die Seilschaft anführen. Wolfgang sicherte von hinten. Den schwierigen Felsabschnitt nahmen wir in kleinen Kehren. Unsere Stöcke bohren sich dabei in das relativ weiche Gestein. Am Felsrand legten wir wieder unsere Steigeisen an und stiegen durch den mittlerweile sehr weichen Schnee in schnellen Schritten ab. Der Schrittrhythmus unserer Gruppe hatte sich nach einigen Anfangsschwierigkeiten gut eingespielt.

Bald waren wir an Hans´ Rucksack angekommen. Er packte zu unserer Überraschung einen Gipfelschnaps aus. Nach diesem kräftigen Schluck ging es dann weiter Richtung Clara-Hütte. Der letzte steile Abstieg gestaltete sich noch mal ziemlich “knieunfreundlich”. Gegen 14.30 Uhr erreichten wir die Hütte. Dort machten an diesem Tag sehr viele Tageswanderer Rast. Claudia und ich hielten uns jedoch nicht lange auf. Ich packte wieder meinen großen Rucksack und auf gings durch das Umbaltal nach Ströden. Zuvor verabschiedeten wir uns von Wolfgang und Hans und dankten für die erlebnisreiche Besteigung. Die beiden verweilten nach etwas bei Anna, die natürlich unserem Tourbericht interessiert zuhörte.

16.30 Uhr hatten wir unser Auto erreicht und waren stolz auf unseren gelungenen Gipfelsieg. Auf dem Weg nach Zedlach nahmen wir im Bergsteigerbüro Prägraten unsere Urkunde in Empfang.