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Transalp Fischen - Locarno

5. Etappe: St. Gotthardpass - Druogno/Piemont

Dienstag, 20. Juni 2006

Die 2. Königsetappe stand mir an diesem Dienstag bevor. Ich wusste, dass es ein weiter Weg bis ins Piemont sein wird und für den Übergang vom Nufenenpass zum Griespass hatte ich kein Kartenmaterial. Ob dieser Wegabschnitt überhaupt passierbar ist, war aufgrund des langen Winters auch noch offen. Der Wirt vom Gotthard-Hospiz bejahte dies zwar, aber mir blieben dennoch Zweifel.

Das zeitige Frühstück mit Thermoskanne wurde mir liebevoll zubereitet neben die Rezeption gestellt, so dass ich bereits um 7.00 Uhr starten konnte. Ich nahm die Hauptstrasse nach Airolo, da an diesem Morgen kaum ein Auto unterwegs war. Es war eine herrliche Schussfahrt über die langgezogenen Serpentinen. Leichter Dunst und Nebel lagen über den Bergen und versprühten eine idyllische Morgenstimmung. Nach 8 km erreichte ich den Abzweig nach Bedrina.

Dieser Weg kürzte die Straße über die Stadt Airolo, die im Tal lag, kilometer- und höhenmäßig etwas ab. Ich fuhr einen etwas holprigen, aber schönen Waldweg bis nach Fontana. Die Strecke war aufgrund der vielen Wurzeln und Steine nicht komplett befahrbar. Ich sah einige Lilien am Wegesrand, die natürlich fotografisch festgehalten werden mussten.

Ich befand mich auf etwa 1.300 m Höhe und der laut Wegmarkierung zu bezwingende Nufenenpass lag 1.200 m höher. Das Tal zog sich stets leicht ansteigend fast geradlinig durch den Wald. Die Orte Villa, Bedretto und Ronco, die ich bereits aus vielen Reisebeschreibungen kannte, lagen rechts oberhalb der Straße. Außer ein paar Baufahrzeugen war ich ganz allein auf der Passstraße.

Ich genoss die morgendliche Ruhe des Bedrettotals und war froh, so zeitig gestartet zu sein. Spätestens ab 10.00 Uhr kommen bekanntermaßen die Brummer, wie ich die Motorradfahrer nenne, und da wollte ich bereits die Passhöhe erreicht haben. Bei All Aqua machte ich die erste größere Rast. Links führte ein Weg zum Passo Giacomo, von dem ich in Mountainbike-Berichten schon gelesen hatte. Ganz oben befand sich eine Hütte, die nur über 800 m steile Schiebe- und Tragepassagen zu erreichen ist.

Mein Weg führte aber die zunehmend steiler werdende Straße entlang. Ab und zu schob ich mein Rad damit es für die Muskeln nicht zu eintönig wurde. Mehr als 6-7 km/h waren selbst im kleinsten Gang kaum möglich. Bei einer Höhe von 2.000 m begannen die Serpentinen, die ich wegen der Kurzweiligkeit mehr mochte als die ewig langen steilen Geraden.

Die ersten Brummer waren nun auch schon unterwegs; sogar ein LKW mit einer Eisladung quälte sich den Berg schnaufend hinauf. Gegen 10.45 Uhr war ich endlich auf der Passhöhe. Der Nufenenpass ist mit 2.478 m der höchste Pass auf Schweizer Territorium und zugleich mein höchster Transalppunkt.

Das Gipfelfoto musste mangels Touristen der Selbstauslöser übernehmen. Am Pass hatte ich trotz des leichten Dunstes eine traumhafte Sicht auf die Tessiner, Walliser und Berner Alpen. Als höchsten Gipfel, der zu sehen war, machte ich das Finsteraarhorn mit 4.200 m aus.

Es war empfindlich kalt auf der Passhöhe, so dass ich nicht lange in der unwirtlichen Umgebung verweilte. Auf die Frage nach dem Weg zum Griespass erhielt ich von der netten Kioskverkäuferin den Hinweis, dass dieser noch nicht passierbar ist. Ich solle doch lieber nach All Aqua zurückfahren und den Hüttenaufstieg machen oder über den Simplon fahren. Beide Versionen waren zwar gut gemeint aber keine wirklichen Alternativen. I

ch dachte mir, dass ich es zumindest versuchen werde, den Griespass zu erreichen. Umkehren konnte ich ja immer noch. Ich fuhr vom Nufenenpass etwa 200 Höhenmeter bergab ins Wallis und setzte meine Fahrt an der Abzweigung zum Griespass fort. Der sonst gut asphaltierte bzw. geschotterte Weg zum Griessee war noch etwa 3m tief verschneit. Am Rande war aber bereits etwa 1/2 m Platz, der teilweise sogar zum Fahren ausreichte. Was wollte ich mehr?

In ein paar Minuten erreichte ich den Staudamm des Griessees, den ich noch überquerte. Gegenüber sah ich den Griespass, zumindest hielt ich ihn dafür. Eine Wegmarkierung gab es nicht. Ich habe jedenfalls keine gesehen. So folgte ich meinen Orientierungssinn und versuchte über die Geröllberge am See, der zur Hälfte abgelassen wurde, das andere Ufer zu erreichen. Dies ging soweit auch ganz gut. Natürlich musste ich da besonders trittfest sein. Das Bike war da manchmal als Stütze hilfreich und manchmal eher hinderlich. Ich stieg nun langsam Schritt für Schritt, Stein um Stein in Richtung Griespass. Oftmals musste ich große Eisplatten und Schneefelder des Griesseegletschers überwinden. Dies war mir aber angenehmer als das rutschige Geröll. Natürlich waren auch einige tosende Bachläufe mit eiskalten Gletscherwasser zu durchwaten. Als ich mit viel Kraft und den nötigen Pausen ein riesiges steiles Schneefeld erklomm, musste ich zu meiner Enttäuschung feststellen, dass es nun nochmals ca. 100 Höhenmeter nach unten und dann wieder über Schnee und Geröll nach oben geht. So kann man sich eben täuschen. Nach der Erreichung der weiteren Talsohle per Rutschpartie über das Schneefeld sah ich zu meiner Erleichterung die rot-weiße Wegmarkierung, der ich nun mit letzter Kraft bis zum Pass folgte. Tiefblaue Enzianblüten, die direkt auf der Passhöhe zu sehen waren, empfand ich als kleine Belohnung für den kräftezehrenden Aufstieg. Am Grenzstein, der die Grenze zwischen den Schweizerischen Wallis und den Italienischen Piemont markierte war es sehr stürmisch und kalt. So machte ich mich sofort daran den Abstieg in wärmere Gefilde zu beginnen.

Ich hatte nun das zweite Mal den Alpenhauptkamm überwunden. Ab jetzt kann es eigentlich nur noch höhenmäßig bergab gehen, zumindest tendenziell. Ich sah bereits den 800 Höhenmeter tiefer gelegenen Lago di Morasco, den ich mir als würdiges Rastziel auserkor.

Der Sent-Walser-Weg führte in steilen Pfadserpentinen bis zur Bettelmat auf 2.112 m Höhe. Auf den Weg nach unten begegneten mir 2 italienische Mountainbiker, die wohl dasselbe vorhatten, nur eben in umgekehrter Richtung. Ich wünschte den Beiden alles Gute, „Tschau Bella“ antworteten sie mir und schulterten das Bike den Berg hinauf. Ab den Abzweig Bettelmat wurde der Weg nun bedeutend besser. Ich konnte fast die gesamte Strecke bis zum See auf grobschottrigen steilem Gelände fahren.

Unterwegs bemerkte ich ein Murmeltier, dass sich mit etwas Geduld auch fotografieren ließ. Ich hatte bisher noch nie das Glück gehabt, solch einen pfeifenden Bergbewohner aus nächster Nähe beobachten zu können. Unterhalb der Staumauer des Lago Morasco machte ich nun meine wohlverdiente Rast auf einer bunten Almwiese mit Enzian und Tausenden Trollblumen. Ich stärkte mich u.a. mit 1Liter 3,8 %-iger Milch, die mir der Wirt am Gotthardpass morgens servierte.

Von meinem Rastplatz hatte ich einen schönen Blick ins Valle Morasco. Ich sah auch bereits das erste Walserdorf Riale mit der Gaststätte „Walser Schtuba“. Nach meinen Berechnungen auf der Karte waren es noch ca. 60 km bis nach Druogno im Val Vigezzo. Ich fühlte mich aber nach der zünftigen Jause wieder topfit.

Der Wegweiser zeigte 41 km bis Domodossola, der Provinzhauptstadt im nördlichen Piemont. Auf diesen Streckenabschnitt konnte es ja bei 1.500 m Höhendifferenz nur bergab gehen. Die Dörfer des Val Formazza und Valle Antigorio flogen bei 30-50 km/h nur so vorbei. Meines Erachtens ist dies eine relativ strukturschwache Region, wie vom Zustand der Bausubstanz der Häuser abzuleiten war. Der einzige Industriezweig ist hier der Marmorabbau an den vielen Steilhängen der Täler. Marmortransporter und Radfahrer waren die einzigsten Fahrzeuge, die mir während der langen Abfahrt begegneten.

Ab dem Ort Premia begann langsam ein etwas belebteres Gebiet. Hier waren auch mal 100 bis 200 Höhenmeter bergauf zu absolvieren. Ich bemerkte nun, dass ich den Süden erreicht hatte. Weinanbaugebiete, Palmen und tropische Pflanzen waren immer öfters anzutreffen. Im breiten Tal von Domodossola herrschten Temperaturen über 30 °C.

Meine Tour führte nun ins Val Vigezzo. Aus zahlreicher Literatur wusste ich, dass die Verbindungsstrasse nach Locarno eine stark frequentierte Transitroute ist. Die 12 km bis zu meiner Unterkunft werde ich aber sicherlich noch schaffen, dachte ich mir. Die letzten Wasserreserven waren aufgebraucht, als ich einen munter plätschernden Gebirgsbach an der linken Straßenseite bemerkte. Es war Zeit für eine letzte Erfrischung, die mir neue Kraft für die etwas nervende und steile Straße nach Druogno gab.

Gegen 18.30 Uhr erreichte ich nach fast 12 Stunden Fahrt das Hotel Stella Alpina. Der Wirt Mario, mit dem ich vor meiner Tour nochmals wegen der Zimmerreservierung telefonierte, begrüßte mich herzlich und wies mir mein Zimmer zu. Es war die beste Übernachtung die ich während meiner Transalp hatte.

Bei reichlich Pasta und Chianti ließ ich den erlebnisreichen Tag ausklingen. Ich war bei meiner Königsetappe 108 km und 2.600 Höhenmeter gefahren.