Der Morgen beginnt mit einem kargen italienischen Frühstück mit Weißbrot, Croissant und Marme-lade. Ich hatte aber gestern noch bei A+O eingekauft und für die Tour vorgesorgt. Um 7:30 Uhr starte ich.
Der Morgen ist noch etwas trüb, aber die Sonne kämpft sich langsam durch die Wolken. Nach ein paar schönen Fotos vom Lago di Santa Croce verabschiede ich mich von den „Alpi Bellunesi“.
Ab Vittorio wird dann alles sehr flach. Ich muss jetzt wieder für einige Kilometer auf die Hauptstraße. Zu meinem Erstaunen ist die Straße wie leer gefegt. Nur ein paar Rennradfahrer kämpfen sich die Berge hinauf. Für mich geht es heute höhenmäßig fast nur bergab. In weniger als 45 Minuten erreiche ich in schneller Fahrt Vittorio. In der recht hübschen typisch italienischen Stadt nimmt der Verkehr immer mehr zu und verstärkt sich weiter bis Conegliano.
Die Italiener sind wohl jetzt wach geworden. Manchmal gibt es einen Radweg oder so etwas ähnliches, aber meistens stecke ich mitten in der sich langsam bewegenden Autokarawane. Auf einer Umgehungsstraße verlasse ich Conegliano. Jetzt wird es bedeutend ruhiger. Ich passiere auf einsamer Landstraße Ramera und Santa Maria di Piave. Dies sind wunderschöne gepflegte Orte inmitten von Weinplantagen und Maisfeldern. Dann führt der Weg unter einer Autobahnbrücke hindurch. Das darf aber laut Karte nicht sein. Also zurück und auf einem breiten Schotterweg hoffentlich in die richtige Richtung. Die Himmelsrichtung stimmt zwar mit Südost, aber der Weg führt nach gefühlten 5 km in ein großes Schotterwerk. Hier ist es unheimlich laut und das Betreten verboten. Ich muss aber irgendwie auf die Straße. So sprinte ich an den Schaufelbaggern vorbei durch das Werksgelände und gelange kurzum auf die Asphaltstraße. Wo ich jetzt bin, weiß ich zwar nicht, dennoch fahre ich nach Gefühl in die richtige Richtung.
Ich bin nun froh, als ich das Ortseingangsschild von Cimadolomo vorfinde. Außerdem gibt es hier eine Tankstelle, die ich dringend zum Auffüllen meiner Wasserflaschen benötige. Der Tankwart meinte, dass das Wasser besser ist als jedes Mineralwasser im Handel. Es kommt 500 m aus der Tiefe. Er füllt meine Flaschen mit einem Schlauch und nimmt auch selbst einen großen Schluck aus demselben. Ich sage, das ist mein Sprit bis Venezia. Er lacht und verabschiedet sich mit „Arrivederci“.
Jetzt geht es weiter auf dem Weinradweg der Piave. Es ist hier inmitten der Weinplantagen herrlich zu fahren. Ich koste ein paar Weintrauben. Sie sind noch recht sauer. Hinter der Ortschaft Stabiuzzo mache ich Rast an einer hübschen kleinen Kapelle. 62 km habe ich bereits zurückgelegt. Es werden sicher noch 40-50 hinzukommen. Der Hintern schmerzt bereits etwas. Die halbe Stunde Pause tut da mal richtig gut. Den Wein-Radweg folge ich nun bis Ponte di Piave. Dort schlägt es gerade 12 Uhr an dem Campanile. Mir fällt auf, dass in dieser Region die Kirchtürme vom eigentlichen Gotteshaus immer getrennt stehen. In Ponte di Piave passiere ich den Fluss. Die Piave hätte ich mir viel breiter vorgestellt. Er führt aber sicher im Frühjahr bedeutend mehr Wasser. Dies vermute ich zumindest aufgrund der Breite des Flussbettes. Ich fahre entspannt weiter auf dem Piave-Damm bis in die Stadt Zenson di Piave. Dort hört der Dammweg wegen der querenden Autobahn auf. Auf ruhiger Landstraße erreiche ich wenig später Fossalta di Piave.
Jetzt wird es auch höchste Zeit, die Trinkflaschen aufzufüllen und etwas zu essen. Ich halte an einer vielversprechenden Pizzeria am Marktplatz an und setze mich an einem der Tische vor dem Lokal. Nachdem ich fast 20 Minuten ohne Bedienung hier herum sitze, reicht es mir und ich stehe kurzerhand auf und fahre weiter. So viel Ignoranz von der „netten“ Bedienung habe ich nun wirklich nicht nötig. Am Ortseingang am Nachbarort Musile di Piave erfährt mir das ganze Gegenteil. Der Wirt einer kleinen Kaffeestube füllt mit lächelnd meine Flaschen auf und wünscht mir weiterhin eine gute Fahrt. Zu essen hat er nichts, nur Kaffee. Und den kann ich nun bei der Hitze wirklich nicht brauchen. Ich schiebe mir einen Riegel ein und weiter geht’s nach Caposile.
Jetzt radele ich für ca. 10 km auf einsamen Wegen zwischen dem Fluss Sile, einem Nebenfluss der Piave und den Lagunen Venedigs. Ab und zu kann ich die Lagune sehen bzw. riechen. Hier gibt sicherlich einige Fischereibetriebe. Gegenüber verläuft die Hauptstraße nach Jesolo. Ich bin daher froh, auf der anderen Seite des Flusses zu radeln. Nach dem Ort muss ich dann allerdings doch auf die Hauptstraße zur Weiterfahrt nach Lido di Jésolo.
Solch eine Touristenmetropole habe ich nicht erwartet. Zahllose Urlauber, Hotels, und Geschäfte trifft man hier an. Was für ein Kontrastprogramm auf nur wenigen Kilometern. Bevor ich mich in die Fluten der Adria stürze, suche ich mir erst einmal ein Hotel. Dies gelingt mir bereits im 2. Anlauf. Ich beziehe ein riesiges 4-Bett-Zimmer im Hotel Eraclea und darf sogar mein Rad mit rein nehmen. 40 € kostet die Bleibe mit Frühstück. Ich finde, das ist in Ordnung. Nach dem Duschen will ich nun mal das Meer sehen. So weit das Auge blickt, sehe ich am Strand der Adria Menschen über Menschen und Hotel an Hotel. Ich weiß nicht, ob ich mich hier länger aufhalten könnte.
Die Hitze ist mit 34 °C fast unerträglich. Nach einem erfrischenden kurzen Bad schlendere ich mit einem großen Eis ein paar km die Strandpromenade und Geschäfts-straße entlang. Morgen erwartet mich nun die 7. und letzte Etappe nach Punta Sabbioni. Es sind noch ca. 20-30 km am Meer bzw. der Lagune entlang zu radeln. Dann geht’s mit der Fähre nach Venedig. Ich hoffe nur, dass mit der Bahnverbindung alles funktioniert und ich am Donnerstag gut zuhause ankomme.
Statistik 6. Etappe:
Strecke in km: 111
Bergauf in Hm: 161
Bergab in Hm: 518
Höchster Pkt. in m: 495
Max. Temp. in °C: 39
Min. Temp. in °C: 20