Schon am 2. Tag unseres Stubaier Wanderurlaubs nahmen wir unsere große Gipfeltour in Angriff. Am Mittwoch hatten wir uns im Pinnistal bis auf etwa 1.800 m Höhe auf den Weg zur Karalm etwas eingelaufen. Eigentlich waren wir höhenmäßig noch nicht so richtig fit für die große Fels- und Gletschertour, doch im Bergbüro wurde uns geraten, die Tour aufgrund der drohenden gewittrigen Wetterverhältnisse am Donnerstag zu unternehmen. So willigten wir ein und buchten die Tour zum Zuckerhütl, dem höchsten Berg der Stubaier Alpen als Tagestour.
Um 7.15 Uhr trafen wir uns am Bergbüro und machten uns zunächst mit unseren Mitstreitern, einem Mann aus Zittau, einer jungen Holländerin und deren englischen Freund bekannt. Der Bergführer Reinhard Larcher führte die internationale Seilschaft aus 4 Ländern. Wir legten uns zunächst die Gurte an und fuhren zur Gletscherbahn in der Nähe der Mutterbergalm. Der Lift nahm um 8.00 Uhr seinen Betrieb auf und wir erreichten in knapp 30 min die Bergstation Eisgrat in 2.850 m Höhe. Dabei passierten wir die Dresdner Hütte in der Nähe der Mittelstation. Die Dresdner Hütte wird heute Nachmittag das letzte Ziel unserer Tour sein. Die Station müssten wir spätestens bis 16.30 Uhr erreicht haben, denn um diese Uhrzeit fuhr die letzte Bahn nach unten. Aber bis dahin war ja noch viel Zeit. Am Eisgrat wechselten wir nun in die Schaufeljochbahn, die uns bis in eine Höhe von 3.156 m brachte.
Zu Beginn dachte ich, es sind ja nur 350 Höhenmeter - so schlimm kann das Ganze ja doch nicht werden. Ich wurde aber eines besseren belehrt. An der Bergstation konnten wir bereits den Gipfel von der Ferne erkennen. Kurz nach dem Start um 8.45 Uhr stiegen wir erst einmal am Rande des Gaiskarferners 200 Höhenmeter bergab. Der Weg führte weiter über ein grobes Schotterfeld über den Pfaffengrat zum Fernaujoch in 3055 m Höhe. Der Grat war relativ schmal und teilweise vereist. Bei den ersten Kletterpassagen der Tour war also bereits Vorsicht geboten. Rechts konnten wir die Hildesheimer Hütte in 2.900 m Höhe und den gewaltig wirkenden 3.128 m hohen Gaiskogel sehen. Während der gesamten Besteigung hatten wir bei sonnigen Wetter eine prima Fernsicht und ideale Bedingungen.
Der Schnee war noch ziemlich trittfest. Steigeisen waren so nicht erforderlich. Am 3.213 m hohen Pfaffenjoch stiegen wir nun zunächst leicht bergauf. Hier eröffnete sich nun ein traumhafter Blick ins gesamte Stubaital. Kurz vor dem Paffensattel (3.344 m) wurde nun der Weg zunehmend steiler. Schätzungsweise 30-40 prozentige Anstiege waren nun zu überwinden. Am Pfaffensattel erklärte uns Reinhard den Weg den Weg zum Gipfel. Bei den letzten knapp 200 Höhenmetern erwartete uns ein schwieriger Klettersteig im Fels. Wir ließen unsere Wanderstöcke am Gletscherrand zurück. Bereits der Einstieg in den Klettersteig war eine kleine Herausforderung. Reinhard sicherte doch souverän. Höhenangst sollte man hier nicht haben, denn ein gähnender Abgrund von mehreren hundert Metern tat sich an der Nordostwand des Gipfels auf. Die meisten Stellen waren zusätzlich drahtseilgesichert. Gleichmäßiges langsames Aufsteigen der Seilschaft war nun angesagt. Nach einer halben Stunde angespannter Kletterei erreichten wir um 11.45 Uhr glücklich den Gipfel.
Wir gratulierten uns mit Berg Heil und stießen mit einem kleinen Gipfelschnaps auf den Erfolg an. Wir hatten einen herrlichen Blick auf die umliegenden Gipfel, zu den Dolomiten und zur Ötztaler Wildspitze. Am Gipfel herrschten sommerliche Temperaturen bei Sonnenschein. Nach etwa einer halben Stunde Gipfelaufenthalt machten wir Platz für die nächsten Seilschaften und begannen mit den Abstieg.
Der Abstieg war zunächst weniger schwierig als befürchtet, dennoch war natürlich höchste Konzentration gefragt. Endlich im Gletscher wieder angekommen, machte wir am Sattel eine kurze Rast und blickten auf das Zuckerhütl, dass zwar auch so aussah aber ansonsten nichts mit dem Namen gemein hatte. Wir gingen zunächst auf denselben Weg wie beim Aufstieg und dann steil nach unten über den Sulzenauferner. Reinhard erzählte uns von den starken Rückgang der Gletscher in den letzten 10 Jahren. Damals konnte man auf einer Ebene vom Gletscher auf einer Ebene in den Fels am Pfaffennieder einsteigen. Heute steht man vor einer etwa 10 m hohen und fast 90 Grad steilen Felswand. Damit hatten wir natürlich nicht gerechnet. Reinhard sicherte wieder souverän. Einige in Fels gehauene Haltegriffe erleichterte etwas die Kletterei.
Oben angekommen mussten wir nun ein weites Steinfeld überqueren. Trittsicherheit war hier wieder gefordert. Reinhard wurde per SMS über einen Spaltensturz in der Nähe der Jochdohle informiert. Kurz darauf sahen wir 2 Helikopter von der Bergrettung in diese Richtung fliegen. Später erfuhren wir im Radio, dass eine 16-Jährige aus Saudi-Arabien nach 40 Minuten aus einer Gletschermühle in 25 m Tiefe mit einer Körpertemperatur von 18 Grad verletzt geborgen wurde. Unsere Tour näherte sich nun den letzten Kletterhöhepunkt.
Am Rande des Steinfeldes eröffnet sich ein etwa 100 m extrem steiler Abstieg im Fels. Die Kondition und Konzentration war zwar nicht mehr die Beste, aber es half nichts, wir mussten hier runter. Für mich war es das schwierigste Teilstück der Tour. Fotografieren konnte ich hier beim besten Willen nicht. Der Abstieg zog sich endlos lang und extrem schwierig über Felsblöcke, die meines Erachtens viel zu wenig mit zusätzlichen Halteseilen gesichert waren. Am Ende der Kletterpartie musste noch eine große Gletscherspalte überwunden werden. Nun war es fast geschafft; einige hundert Meter über den vereisten Gletscher und dann noch ca. 600 Hm Abstieg im schottrigen Gelände bis zur Dresdner Hütte.
Während des Abstiegs konnten wir Bauarbeiten für die Erweiterung der Beschneiungsanlagen beobachten. Das dies einmal in knapp 3.000 m Höhe notwendig wird, hätte vor 10 Jahren auch niemand glauben wollen. Gegen 15.30 Uhr erreichten wir schließlich die Zwischenstation des Lifts in der Nähe der Dresdner Hütte. Natürlich musste dort noch gestempelt werden.
Unsere Tour endete an der Talstation der Stubaier Gletscherbahn. Wir verabschiedeten uns von Reinhard und dankten ihn für die sichere Führung und die anspruchsvolle schöne Tour. Am Abend wurde uns im Neustifter Bergbüro die entsprechende Urkunde überreicht.